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Nie wieder Arbeitslosigkeit!



Endlich haben einhundert deutsche Vordenker das Rezept zur Abschaffung der Arbeitslosigkeit gefunden. Sie einigten sich auf folgendes:


Offener Brief

an die Vorstände der Gewerkschaften, Parteien, Sozial- und Umweltverbände und Kirchenleitungen in Deutschland

30-Stunden-Woche fordern!

Ohne Arbeitszeitverkürzung nie wieder Vollbeschäftigung!

Kurios. Da wird an die Kirchen appelliert, und an die Umweltverbände. Aber an die Arbeitsgeber, die Unternehmerverbände, die Industrie- und Handelskammern wendet man sich nicht. Wozu auch, die könnten ja lachen über die Forderung einer 30-Stunden-Woche.

Man schaut auch nicht nach Frankreich, wo sich eine sozialistische Regierung gerade bemüht, von der unbedacht eingeführten 35-Stunden-Woche wieder herunter zu kommen, ohne das Gesicht zu verlieren. Mit den gemütlichen 35 Stunden hat Frankreichs Industrie enorm an Wettbewerbsfähigkeit eingebüsst und wird von den deutschen Exporteuren zunehmend an die Wand gedrückt. Während sich die Problemländer von Irland bis Griechenland langsam aus der Talsohle heraus arbeiten, rutscht Frankreich besorgniserregend ab.

Klar, Deutschland hat sich dank 8 Millionen Teilzeitarbeitern, Minijobbern und Leiharbeitern in die Kategorie der Billiglohnländer eingereiht. Es ist erstaunlich, wieviele Unternehmen ihre qualifizierten Vollzeit-Arbeitskräfte durch billige Teilzeitler, Minijobber, Saison-Ausländer und Azubis ersetzen konnten. Diese Ersetzung stellt die eigentliche unternehmerische Innovation der letzten zehn Jahre dar. Damit hat Deutschland den Nachbarn gezeigt, dass bei guter Konjunktur die Lohnkosten keineswegs immer steigen müssen, wie es die ökonomische Theorie bislang annahm.

Nun kommen also die hundert Vordenker und erklären, dass eine radikale Arbeitszeitverkürzung die Unternehmer zwingen werde, mehr Arbeitskräfte einzustellen und dadurch die Arbeitslosigkeit abzubauen. Schön wär's, wenn es so einfach wäre. Aber wie im Einmaleins geht es in der Wirtschaft leider nicht.

Als erstes würden die Unternehmer versuchen, so viele weitere Vollzeit-Arbeiter wie möglich loszuwerden. Mehr Maschinen, mehr Elektronik, mehr Auslagerung, mehr Minijobber, die gerne — ohne zu jammern — auch unbezahlt mehr als ihre 18 Wochenstunden ableisten. Also weniger statt mehr voll-sozialversicherungs-pflichtige Jobs. Weniger Lohnsteueraufkommen, weniger Renten- und Versicherungsbeiträge.

Man sollte die Teilzeitarbeiter, Minijobber und Leiharbeiter nicht unterschätzen: viele von ihnen bringen heute bessere Qualifikationen mit, als früher vollzeitliche Fachkräfte aufwiesen. Von Jedem wird heute erwartet, dass er oder sie einen Computer bedienen und maschineschreiben kann.

Was aber tun die verbleibenden 30-Stunden-Wöchner mit ihrer enorm gewachsenen Freizeit? Treiben sie Sport, pflegen sie Hobbys? Nein, die meisten von ihnen suchen sich wahrscheinlich eine lukrative Zweitbeschäftigung, möglichst steuerfrei. Schwarzarbeit jeder Art wird florieren, Kleinhandel im Internet, Flohmärkte. Taxi fahren, Gastronomie, Privatunterricht; die ganze Spannweite der Kreativität ist gefragt, und zehn oder mehr Wochenstunden stehen dafür zur Verfügung. Dieses Zeitangebot rückt Zweit- und Drittjobs in Reichweite und eröffnet neue Möglichkeiten zur Selbstausbeutung.

Was der Fiskus und die Versicherungen in den 30 offiziellen Stunden nicht kassiert haben, das fliesst ihnen durch die Nebenbeschäftigungen nicht zu. Ergebnis: Finanzkrise und steigender Abgabendruck auf den geschrumpften Sektor Vollzeit-Arbeit. So brächte die 30-Stunden-Woche enorme Konsequenzen für die Wirtschaft. Wie Frankreichs 35-Stunden-Woche zeigt, würde sie allerdings eins nicht bringen: eine Verringerung der Arbeitslosigkeit durch Mehrbeschäftigung im Vollzeitsektor.

Den hundert deutschen Vordenkern kann man für ihre Initiative nur ein Ergebnis prophezeien: den Schuss ins Ofenrohr.

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—— Heinrich von Loesch